Das Werra-Meißner-Land im äußersten Osten Hessens war jahrzehntelang Randlage: dünn besiedelt, waldreich, im Osten und Südosten von der innerdeutschen Grenze gesäumt. Der Zuschnitt hat der Gegend genützt. Geblieben sind schwach befahrene Landstraßen, ein zusammenhängendes Mittelgebirge um den Hohen Meißner und die Werra, die das Revier von Süd nach Nord durchzieht. Als Frau-Holle-Land vermarktet sich die Region heute selbst — die einzelnen Ecken lohnen aber jede für sich.
Hoher Meißner – Basaltkuppe im Naturpark

Der Hohe Meißner ist mit gut 750 Metern die höchste Erhebung der Region und das Herzstück des Naturparks Meißner-Kaufunger Wald. Das Basaltmassiv trägt oben keine spitze Gipfelkuppe, sondern eine weite, offene Hochfläche mit Fernblick ins Umland. Auf dem Plateau liegt der Frau-Holle-Teich, ein kleiner Hochmoorsee, um den sich die Sage rankt, Frau Holle schüttele hier ihre Betten aus, wenn es schneit. Fürs Motorrad zählt vor allem die Auffahrt: Von Abterode, Germerode und Hessisch Lichtenau winden sich kurze, kurvige Rampen auf den Berg, jede mit eigenem Zuschnitt.
Werratal – die Flussachse mit ihren Fähren

Die Werra gibt dem Revier seine Leitlinie. Von Eschwege, der Kreisstadt mit dem Werratalsee, über Bad Sooden-Allendorf bis Witzenhausen folgt eine ruhige Talstraße dem Fluss durch grünes, offenes Wiesenland. Das Tal fährt sich entspannt und flott; die Arbeit fürs Handgelenk beginnt in den Seitentälern, die links und rechts in die Höhen abzweigen. Wo keine Brücke steht, setzen entlang des Werratal-Radwegs kleine Hand- und Seilfähren Radler und Wanderer über — ein Bild, das den ländlichen Takt der Gegend zeigt.
Bad Sooden-Allendorf – Sole, Gradierwerk und Fachwerk

Die alte Doppelstadt Bad Sooden-Allendorf lebte vom Salz. Bis heute steht am Ortsrand das Gradierwerk, eine hausgroße Wand aus Schwarzdornreisig, über die Sole herabrieselt und verdunstet — früher zur Salzgewinnung, heute als Freiluft-Inhalatorium des Sole-Heilbads. Der Fachwerkkern mit erhaltenem Stadttor und Marktplatz ist ein lohnender Halt. Der Ort liegt an der Werra zwischen Eschwege und Witzenhausen und lässt sich gut als Wendepunkt einer Talrunde nehmen.
Witzenhausen – Kirschen und Tropenlandwirtschaft

Witzenhausen im Norden des Kreises ist Deutschlands nördlichstes größeres Kirschanbaugebiet; im Frühjahr steht das Umland weiß in Blüte, im Sommer wird die Ernte direkt an der Straße verkauft. Ungewöhnlich für ein Städtchen dieser Größe ist die Hochschule: Hier sitzt der Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel samt Tropengewächshaus, mitten im Fachwerk. Nach Norden ist es nur ein kurzer Sprung nach Hann. Münden, wo Werra und Fulda zur Weser zusammenkommen.
Werra-Burgen – Ludwigstein und die Grenzhöhen
Über Werleshausen, einem Ortsteil von Witzenhausen, thront die Burg Ludwigstein aus dem 15. Jahrhundert hoch über der Werra — heute Jugendburg und Sitz des Archivs der deutschen Jugendbewegung. Genau gegenüber, schon auf thüringischer Seite, steht die Ruine Hanstein; die beiden Burgen bewachten einst die Talenge, später verlief zwischen ihnen die innerdeutsche Grenze. Die Auffahrt zum Ludwigstein ist kurz, der Blick ins Werratal weit.
Ringgau und Netratal – Kalkplateau im Südosten
Südöstlich von Eschwege wölbt sich der Ringgau auf, ein waldreiches Kalkplateau mit trockenen Höhen und dem eingeschnittenen Netratal. Auf den Plateaustraßen lässt es sich flüssig fahren, in den Talkerben wird es enger und verspielter. Am Rand des Ringgaus liegt die Boyneburg, eine der größten Burgruinen Hessens — ein weithin sichtbarer Zielpunkt für eine Nachmittagsrunde.
Grenzland – das Grenzmuseum Schifflersgrund
Der gesamte Osten des Kreises lag am Eisernen Vorhang. Am Grenzmuseum Schifflersgrund zwischen Bad Sooden-Allendorf und dem thüringischen Sickenberg — dem ältesten Grenzmuseum an der einstigen innerdeutschen Grenze — ist ein Abschnitt der Sperranlagen mit Zaun, Wachturm und Kolonnenweg im Original erhalten. Das Zonenrandgebiet blieb bis 1989 strukturschwach und wenig erschlossen; ein Teil der heute so leeren Straßen ist Erbe dieser Randlage. Wer Geschichte und Fahren verbinden will, hat hier den passenden Stopp.
Märchenstraße und Frau-Holle-Land – Kultur am Wegrand
Als touristische Klammer über die Region liegt das Frau-Holle-Land, das an der Deutschen Märchenstraße von Hanau nach Bremen hängt — der Hohe Meißner ist ihre Frau-Holle-Station. Dazu kommen Fachwerkstädtchen, Burgruinen und, gut 40 Kilometer westlich in Kassel, der Bergpark Wilhelmshöhe mit den Herkules-Wasserspielen, seit 2013 UNESCO-Welterbe. Als Schlechtwetter- oder Kulturprogramm gibt das Werra-Meißner-Land mehr her, als seine abgelegene Lage erwarten lässt.
Anschluss – Eichsfeld, Harz und Thüringer Wald
Das Werra-Meißner-Land sitzt an der Nahtstelle von Hessen, Niedersachsen und Thüringen — praktisch für alle, die mehr als eine Tagesrunde planen. Nach Osten schließt das Eichsfeld an, ein katholisch geprägtes Hügelland mit eigenem Charakter; nach Norden ist der Harz erreichbar, nach Süden der Thüringer Wald mit dem Rennsteig. Wer es ruhig mag, nimmt die stille Werra-Region als Basislager und stößt von dort in die umliegenden Mittelgebirge vor.